Social Media – ein „Must have“ für Schrifststeller?
Heike Koschyk 23. April 2010
Du musst bei Facebook sein, heißt es. Auf Twitter und bei Xing. Nutze die Ressourcen des Social Web zur Markenbildung. Vernetze Dich, damit man Dich kennt und irgendwann kennt man auch Deine Bücher.
Dass das nicht so ganz stimmt, kann ich täglich auf Amazon sehen. „Pergamentum“, dessen Manuskript namenhafte Verlage in einen Bieterwettbewerb trieb, hat bislang die hoch gesteckten Erwartungen nicht erfüllt. Hervorragend bewertet, aber doch quasi unbekannt, will man den Zahlen glauben. Meine Biografie über Hildegard von Bingen hingegen erklimmt seit Monaten die höchsten Plätze. Ist auf Amazon einer der Bestseller im Bereich Biografie. Ohne große Social Media-Befeuerung. Der Schluss, den ich daraus ziehen könnte, wäre: Wozu das alles?
Wenn man als Schriftsteller mit Social Media beginnt, sollte man sich vorab fragen, ob man es nur unter Werbegesichtspunkten tun möchte. Wenn ja, sollte man lieber die Finger davon lassen. Wer sich darauf einlässt, verbringt mehr Zeit im Internet, als sich je in barer Münze auszahlen wird.
Nüchtern betrachtet: Auch dann, wenn das Werk in Foren und Leserunden mit Begeisterung besprochen wird, ergeben die investierten Stunden gemessen an zusätzlichen Bucheinnahmen einen Lohn weit unterhalb des 1-Euro-Jobs. Zuviel Eigenwerbung wirkt unangenehm und stößt nur auf wenig Gegenliebe. Und, ganz ehrlich, welcher große Bestseller-Autor wurde erst durch Twitter bekannt?
Ob sich ein Buch verkauft, entscheiden ganz andere Faktoren. Vorausgesetzt, es ist gut und spannend geschrieben, sind es neben dem ersten Eindruck (Cover, Titel, Klappentext) und dem Werbebudget des Verlages (Buchpräsentationen in vorderster Front kosten ein Vermögen und ist Bestsellern vorbehalten) vor allem die Listung in großen Buchhandelsketten und die Besprechung im Feuilleton. Du bist nicht bei Thalia? Vergiss es. Wer nicht ausliegt, kann nicht gelesen werden und wird daraufhin auch nicht weiterempfohlen. Das ist schade, denn ich bin ein Freund unabhängiger Buchhandlungen, aber selbst diese setzen immer mehr auf namenhafte Autoren, um ihre Existenz zu sichern. Da mag man das Social Web als neuste Errungenschaft hochhalten, auch die User von Twitter, Facebook und Co. reagieren auf Empfehlungen aus dem Real Life.
Was also bringt mir Social Media?
Viele Autoren hören genau an dem Punkt auf, an dem es spannend wird. Wenn man diese Plattform ernst nimmt, bilden sich Netzwerke, die vor allem eines liefern: Aktuelle Informationen. Social Media ist eine wertvolle Quelle. Man taucht direkt in die Buchbranche ein, versteht die Wünsche der Leser und erahnt kommende Trends.
Ein wunderbares Tool sind all die Buchplattformen von Rezensenten und Bloggern. Sie geben direkte Rückmeldungen auf die eigenen Werke. Kommentare, die man in seiner weiteren Arbeit umsetzen kann. Worüber wird gesprochen? Was bewegt die Gemüter? Emotionen sind nichts, was man hier mit Macht beeinflussen kann, ebenso wenig wie das Kaufverhalten. Das ist eine Tatsache. Man kann sich dagegen stemmen oder sich den Stream zunutze machen, ohne sich dabei zu verbiegen. Gerne auch bewusst gegen den Strom schwimmen, dann aber bitte ohne nachträgliche Reue. Manchmal hat selbst das Potential zu einem Hype.
Konkret bedeutet das: Habe Spaß am Twittern und Posten, freue Dich über die vielen netten Kontakte, die virtuellen Begegnungen. Bleibe authentisch. Höre zu und setze um. Denn dann, aber auch nur dann, erzielt man einen Gewinn. Und der ist vor allem sozialer Natur.
Ihr seid anderer Meinung? Ich lasse mich gerne belehren. Von „Pergamentum“ erscheint ja noch eine Taschenbuchausgabe …
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- 7 Kommentare
Hallo Heike,
ein wunderschöner Blog. Bin schon gespannt auf mehr.
Und ein sehr interessanter Beitrag, Gedanken, die ich teile. Ich empfinde ‘Social Media’ ähnlich dem ‘Real Life’. Die User und auch man selbst reagiert empfindlich auf ‘Werbebefeuerung’, auf Aufdringlichkeiten und ähnlichem. Mir geht es eher so: Man lernt interessante Menschen kennen, mit der Zeit entwickelt sich sogar eine gewisse Verbundenheit… Dann greife ich sehr gern Empfehlungen, Ideen oder Inspirationen auf, wie von einem Freund, Bekannten oder Kollegen.
Berechnend darüber verkaufen lohnt sich wahrlich nicht. Aber die Welt, die sich einem öffnet, wenn man sich mit Neugier und Freude darauf einlässt, ist wunderbar.
In diesem Sinne wünsche ich Dir weiterhin viel Freude und Deinen Büchern viel Erfolg.
Sonnige Grüße
wortmeer
Hallo liebe Heike,
das hast du gut geschrieben.
Ein toller erster Eintrag.
Ich finde es gut, dass sich ein Autor auch über solche Dinge Gedanken macht und das Internet nicht nur als Markthalle betrachtet…
Viel Spaß weiter mit deinem neuen Blog, ich werde hier regelmäßig lesen.
Liebe Grüße,
Ramona
PS: Frage: Wann erscheint die TB-Version?
Liebe Ramona,
herzlichen Dank für Deinen Kommentar.
Wann das Taschenbuch erscheint, weiß ich leider noch nicht. Ich werde Dich aber auf dem Laufenden halten
Herzliche Grüße,
Heike
Aha. Die gute Heike hat jetzt also auch ein Blog-Haus
Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass so ein Häuschen viel, viel Arbeit macht. Weil wir Schreiberlinge ja so pedantisch sind und uns davor fürchten, schreibend danebenzugreifen. Dann gilt es auch noch authentisch zu bleiben, aber trotzdem das Besondere hervorzuheben. Man tanzt auf vielen Hochzeiten, wählt Themen aus und bemerkt, dass manche mehr Aufmerksamkeit erregen als andere. Irgendwie wird man zum Journalist, Chefredakteur und Herausgeber. In deinen Worten, leicht abgewandelt, würde es dann heißen: habe Spaß am Bloggen, aber mach dir keinen Kopf über die Besucher- und Kommentarzahlen.
Man glaubt gar nicht, wie schwer es ist, die Leutchen zu einem Kommentar zu ermuntern.
Sodala. Das wär’s mal von meiner Seite gewesen.
Willkommen im Club, Heike
Servus aus Wien
Richard
Danke für diesen Text. Das ist ein Blick hinter die Kulissen des Buchmarketings. Es ist richtig, dass ein Markt anders funktioniert als ein Netzwerk. Aber sind es nicht immer Netzwerkstrukturen,die hinter den Projekten stehen? Hängt nicht die Qualität immer auch damit zusammen, dass es Menschen gibt, die etwas gut finden und darüber schreiben? So wurde ich Amateurkritiker und werde es wohl auch bleiben.
Das Buch über Hildegard von Bingen habe ich noch nicht gelesen. Und jetzt meine Frage: Was ist an diesem Buch gut? Was ist sein Alleinstellungsmerkmal? Ich finde, dass der Markt darauf antwortet und dass beide Fragen daher zu beantworten sein müssten.
Herzliche Grüße
Christoph Fleischer
Schöner Beitrag, der genau beschreibt, wie es mir als Buchhändlerin auch geht mit meinen Aktivitäten! Und ist es nicht eigentlich so, daß all die sozialen Netzwerke originär dafür gedacht sind, daß Menschen sich austauschen und nicht dazu, Verkäufe zu generieren?
Deshalb sehe ich es genau wie Sie auch: Es macht Spaß, man knüpft Kontakte und lernt sich kennen und wer weiß, was daraus entstehen wird? Lassen wir uns doch einfach davon überraschen!
Viel Spaß (und Erfolg) weiter mit dem Blog wünscht
Susanne Martin
Vielen Dank für die schönen Kommentare, Anregungen und Wünsche zum neuen Blog!
@Christoph: Danke für Deine Anmerkungen. Es gibt viele gute Bücher, die von den Kritikern nicht gelesen und besprochen werden und jede Menge schlechte, die vom Feuilleton unisono hochgelobt oder gar verrissen und dadurch erst recht gekauft werden. Der Erfolg auf dem Buchmarkt hat leider nicht immer etwas mit der Qualität des Buches zu tun, sondern mit der Aufmerksamkeit, die es mit dem Glück einer im Heuhaufen gefundenen Stecknadel erhält.
Aber Du hast natürlich recht: Ein Buch mit Alleinstellungsmerkmal hat eine wesentlich größere Chance, bemerkt zu werden.
Herzliche Grüße,
Heike