Monatsarchiv für Mai 2010

Die Lesekonditorei

Heike Koschyk 26. Mai 2010

Während der Recherchen zu meinem aktuellen Projekt stieß ich auf eine Einrichtung, die Anfang des 19. Jahrhunderts auch in Deutschland Einzug hielt: Die „Lesekonditorei“.
Sammelplatz des geistigen Lebens und von bestimmendem Einfluss auf die öffentliche Meinung. Ort der Literaten und Gelehrten; hier konnte man in den ausliegenden Tagesblättern und kritischen Journalen lesen und deren Inhalte diskutieren. Das Backwerk oder der Kaffee, ausgeschenkt aus silbernen Kannen, verkamen zur Nebensächlichkeit.
Die bekanntesten Lesekonditoreien waren das Café Kranzler oder Spargnapani in Berlin.
Man musste früh kommen, gleich am Morgen, wollte man nicht statt der sehnlich erwarteten neuen Ausgabe eine der zerlesenen des Vortages finden. „Denn die Concurrenz war groß und die List, mit der Einer dem Anderen den Vorsprung abzugewinnen suchte, noch größer. Das kleine Regal, welches alle diese Schätze barg, war stets belagert, und man betrachtete Jeden, der davor stand, als seinen persönlichen Feind.“ (Quelle: Rodenberg, Julius: Unter den Linden. Bilder aus dem Berliner Leben, Berlin 1888)
Hatte man eines der begehrten Exemplare ergattert, so machte man es sich über Stunden bequem, las alles bis zur letzten Seite, während man Kaffee mit Milch aus großen Tassen („anzusehen wie die Bowlen oder die Kübel“) trank. Später wurde das Gelesene zuweilen hitzig erörtert und in Gesprächsrunden so manche Revolution geplant.

Als ich vor wenigen Wochen über die Lesekonditorei twitterte, gab es eine erfreute Resonanz. Ja, so etwas sei ganz wunderbar, so der Tenor, da könne man sich endlich in Ruhe zurücklehnen und bei einer Tasse guten Kaffees ohne die Ablenkungen des Alltags lesen. Besser noch: Eine Buchhandlung müsse es sein, mit angrenzendem Cafe, das wäre ein Traum.
Ein Traum, der in Hamburg längst Realität wurde. Im Stadtteil Hoheluft liegt die Buchhandlung stories! Ein liebevoll gestaltetes Geschäft mit Schmökertisch und Café-Bar, das wegen seiner loungigen Atmosphäre vom Frauenmagazin „Madame“ zu einer der besten Buchhandlungen Deutschlands gekürt wurde. Dort kann man in aller Ruhe in den Büchern stöbern, zwischen verschiedenen Kaffeeköstlichkeiten wählen und mit den BuchhändlerInnen oder anderen Gästen den neuesten Klatsch aus der Literaturszene austauschen. Wer den Kaffee später an geeigneter Stelle wieder entlassen möchte, wird überrascht feststellen, dass selbst auf dem stillen Örtchen eine umfangreiche Auswahl literarischer Impressionen bereit liegt.
Politische Ränke hingegen schmiedet man heutzutage ohnehin öffentlich, für alles andere gibt es gute Freunde oder Twitter ☺

Gegen das Vergessen

Heike Koschyk 5. Mai 2010

Erinnert Ihr Euch noch daran, wie die Stadt Bingen unter der Belagerung der Schweden zu leiden hatte? Ja?

Ich nicht. Woher auch. 1632 war weit vor meiner Zeit, Informationen gab es bestenfalls in den Geschichtsbüchern der Schule.

Damit wir die Geschichte unserer Vorväter nicht vergessen, gibt es Archive, in denen riesige Schätze lagern. Urkunden, Bücher, Briefe und Karten vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit. Zeugen der Vergangenheit, derer sich auch Wissenschaftler und Forscher bedienen, um Geschichte begreifbar zu machen.

Archive sind wunderbare Quellen. Autoren historischer Romane benötigen authentische Texte, wenn sie dem Leser nicht nur eine gute Geschichte, sondern auch einen anschaulichen Hintergrund vermitteln wollen.

Meine bevorzugte Quelle ist die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, die eines der umfangreichsten Archive Deutschlands besitzt. Für „Pergamentum“ habe ich annähernd 200 Bücher ausgeliehen. Abgesehen von den alten und kostbaren Dokumenten, die man nur an einem speziellen Arbeitsplatz sichten darf.

Um so furchtbarer war die Nachricht vom Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März des vergangenen Jahres. Historische Schätze unermesslichen Wertes wurden in die Tiefe gerissen, viele Dokumente sind für immer verloren. Archivare und Restauratoren werden noch über Jahre damit beschäftigt sein, geborgene Teilstücke zuzuordnen und wieder zusammenzufügen.

Ein Jahr nach dem Unglück rief der Autorenkreis Quo Vadis zu einer Sternenlesung auf. In ganz Deutschland lasen Autoren historischer Romane für den guten Zweck: Alle Einnahmen gehen als Spende an das Kölner Stadtarchiv zur Rettung der Archivalien. Die letzte Lesung fand am 29. April in Hamburg statt. Gemeinsam mit acht Kolleginnen und Kollegen las ich im Stavenhagenhaus, einem ehrwürdigen Gebäude aus dem Jahre 1703 im Stadtteil Groß Borstel. (Einen Zusammenschnitt findet Ihr im Video am Ende des Artikels.)

Es ist vielleicht nur ein kleiner Beitrag, den ich hier leisten konnte. Die Kosten der Restaurierung wird auf 500 Millionen Euro geschätzt, weit mehr als Lesungen sämtlicher historischer Autoren der Welt je zusammentragen könnten. Aber es gibt mir ein gutes Gefühl, aktive Anteilnahme und Hilfsbereitschaft gezeigt zu haben, wenn ich in Zukunft wieder Bücher mit dem Rollkoffer aus der Hamburger Staats- und Universitätsibliothek schleppe, um meinen Lesern die Medizingeschichte des 18./19. Jahrhunderts nahe zu bringen …

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