Gegen das Vergessen

Heike Koschyk 5. Mai 2010

Erinnert Ihr Euch noch daran, wie die Stadt Bingen unter der Belagerung der Schweden zu leiden hatte? Ja?

Ich nicht. Woher auch. 1632 war weit vor meiner Zeit, Informationen gab es bestenfalls in den Geschichtsbüchern der Schule.

Damit wir die Geschichte unserer Vorväter nicht vergessen, gibt es Archive, in denen riesige Schätze lagern. Urkunden, Bücher, Briefe und Karten vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit. Zeugen der Vergangenheit, derer sich auch Wissenschaftler und Forscher bedienen, um Geschichte begreifbar zu machen.

Archive sind wunderbare Quellen. Autoren historischer Romane benötigen authentische Texte, wenn sie dem Leser nicht nur eine gute Geschichte, sondern auch einen anschaulichen Hintergrund vermitteln wollen.

Meine bevorzugte Quelle ist die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, die eines der umfangreichsten Archive Deutschlands besitzt. Für „Pergamentum“ habe ich annähernd 200 Bücher ausgeliehen. Abgesehen von den alten und kostbaren Dokumenten, die man nur an einem speziellen Arbeitsplatz sichten darf.

Um so furchtbarer war die Nachricht vom Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März des vergangenen Jahres. Historische Schätze unermesslichen Wertes wurden in die Tiefe gerissen, viele Dokumente sind für immer verloren. Archivare und Restauratoren werden noch über Jahre damit beschäftigt sein, geborgene Teilstücke zuzuordnen und wieder zusammenzufügen.

Ein Jahr nach dem Unglück rief der Autorenkreis Quo Vadis zu einer Sternenlesung auf. In ganz Deutschland lasen Autoren historischer Romane für den guten Zweck: Alle Einnahmen gehen als Spende an das Kölner Stadtarchiv zur Rettung der Archivalien. Die letzte Lesung fand am 29. April in Hamburg statt. Gemeinsam mit acht Kolleginnen und Kollegen las ich im Stavenhagenhaus, einem ehrwürdigen Gebäude aus dem Jahre 1703 im Stadtteil Groß Borstel. (Einen Zusammenschnitt findet Ihr im Video am Ende des Artikels.)

Es ist vielleicht nur ein kleiner Beitrag, den ich hier leisten konnte. Die Kosten der Restaurierung wird auf 500 Millionen Euro geschätzt, weit mehr als Lesungen sämtlicher historischer Autoren der Welt je zusammentragen könnten. Aber es gibt mir ein gutes Gefühl, aktive Anteilnahme und Hilfsbereitschaft gezeigt zu haben, wenn ich in Zukunft wieder Bücher mit dem Rollkoffer aus der Hamburger Staats- und Universitätsibliothek schleppe, um meinen Lesern die Medizingeschichte des 18./19. Jahrhunderts nahe zu bringen …

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2 Kommentare zu “Gegen das Vergessen”

  1. Richard K. Breuer am 6. Mai 2010 um 00:05 Uhr

    Sehr hübsch, das Video. Das hat sie gut gemacht, die Heike. Sollte ich mal eine Moderatorin in Hamburg brauchen, dann weiß ich jetzt, an wen ich mich da wenden muss :-)

  2. Ramona am 6. Mai 2010 um 14:45 Uhr

    Liebe Heike,
    ich finde es schön, dass sich die Autorengemeinschaft an der Rettung wertvollen Materials beteiligt hat.
    Und wenn es auch nur ein ganz kleiner Beitrag ist – man hat versucht zu helfen.
    Ich finde das Engagement jedenfalls großartig!
    Liebe Grüße,
    Ramona