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Über die Recherche vor Ort. Ein Geständnis …

Heike Koschyk 15. Juni 2011

Ich muss Euch ein Geständnis machen: Wenn ich einen historischen Roman schreibe, besuche ich den Ort erst, nachdem das Manuskript bereits fertig ist.
„Das geht ja gar nicht“, höre ich einige von Euch rufen. „Wie will man denn sonst die dortige Stimmung, die Gebäude und Schauplätze beschreiben?“
Ja, aber genau das ist es doch! Ich schreibe Geschichten aus dem 12. oder aus dem 18. Jahrhundert. Und ich habe Angst, enttäuscht zu werden, um meine Fantasie betrogen, wenn ich inmitten einer Stadt stehe, in der Leuchtreklamen blinken und mit gläsernen Fassaden um die Aufmerksamkeit des Besuchers buhlen. Was nützt mir ein verfallener Rest Stadtmauer zwischen H&M, einem türkischen Schnellimbiss und der chemischen Reinigung?

Als ich über Jena schrieb, der Stadt, in der „Die Alchemie der Nacht“ spielt, hatte ich einen Stapel alter Reisebeschreibungen aus dem 18. Jahrhundert auf dem Schreibtisch. Daneben Briefe damaliger Studenten, die Eindrücke ihrer Stadt nach Hause schickten, das umfangreiche Werk eines Botanikers, der die umgebende Flora und Fauna mit größter Bildhaftigkeit schilderte, einen farbigen Stadtplan aus dem Jahr 1758.
Meine Fantasie schlug Purzelbäume. Ich hatte alles vor meinem inneren Auge: Das Straßenpflaster, die Fassaden der Häuser, den Anatomieturm, die wildherbe Landschaft des Rauhtals. Was würde davon übrig bleiben, wenn ich mich im Jena der heutigen Zeit wiederfand?

Als ich die Stadt vergangene Woche besuchte, wusste ich: Es war genau die richtige Entscheidung, dies erst jetzt zu tun!

Wo früher enge Gassen der Altstadt lagen, waren ganze Straßenzüge verschwunden und hatten einem glänzenden Turmbau Platz gemacht, davor ein riesiger Parkplatz.

Kopfsteinpflaster wurde zu Asphalt, der Anatomieturm ein Stumpf, mit Graffiti besprüht; das ehemalige Universitätsgebäude verbaut. Auf dem Weg zur Saalbrücke passierte ich Waxstudio und Tatooshop. Meine Heldin lief plötzlich die Gassen entlang, mit einem Coffee to go-Becher in der Hand, an Nordseefisch vorbei zu ihrer Wohnung ;-)

Nein, mein Jena habe ich nicht wiedergefunden. Dafür eine moderne Studentenstadt mit zeitgemäßem Charme. Der neu gestaltete Marktplatz ist wirklich sehenswert. Und welcher Student darf schon in einem Schloss lernen, in dem sogar Goethe residierte?

Schließlich gab es am Ende ein paar Ecken, für die sich die Reise dann doch gelohnt hat: Das große Haus mit Kiesplatz, in dem einst Hufeland gewohnt hatte. Der alte Friedhof, über den er in meinem Roman gerannt war, um seinen Freund vor dem Tod zu retten, die alte Kirche mit den Efeuranken. Auf dem Weg durch die umliegenden Wälder bis hin zum Fuchsturm, vor dem sich früher Studenten duellierten, staunte ich über die Schönheit der Landschaft, die bereits in jenen alten Briefen beschrieben worden war, die während des Schreibens auf meinem Tisch lagen.

Endlich spürte ich ihn: den Hauch der Geschichte.

Zurück in Hamburg. Vor mir liegen die Seitenumbrüche der Druckfahne, eine letzte Chance zur Korrektur. Aber alles ist gut so, wie es ist. Und ich würde es jederzeit wieder so machen.

Die Späße des Herrn Goethe

Heike Koschyk 14. September 2010

Habe ich einen eigenartigen Humor? Wahrscheinlich. Denn letzte Woche musste ich über eine absonderliche Anekdote, die mir während der Recherchen begegnet ist, so herzlich lachen, dass ich sie Euch nicht vorenthalten möchte. Also: viel Vergnügen!
(Und schlagt sie mir bitte nicht allzu kräftig um die Ohren, wenn sie Euch zu derb ist … ;-) )

„Einmal (…) machte man Einsiedel, der gern lang im Bett blieb, aus geriebenen und eingerührtem Pfefferkuchen eine Sauce unter den Hintern ins Bettuch, weckte ihn nun und schrie auf ihn, als einen Bettverunreiniger, los. Er sprang auf, zog das besudelte Hemde aus und verfolgte damit neckend alle Leute im Hause. Goethe warf unterdessen das Bettuch durch ein Loch in die Unterstube und brüllte: Seht die Sau!“
(Aus: Karl August Böttiger: „Literarische Zustände und Zeitgenossen“)

Apropos Anekdoten: Wusstet Ihr, dass Schiller halb verfaulte Äpfel in seiner Schublade hielt, weil der Geruch ihn inspirierte? Also, eines kann ich Euch versichern: meine Inspirationsquellen sind eher unspektakulär. Nämlich Musik, die Schönheit der Natur, die ganze Bandbreite der menschlichen Emotionen und gut geschriebene Bücher. Und Pfefferkuchen? Na ja …

Bin ich von gestern?

Heike Koschyk 3. September 2010

Als ich auf dem Weg von Italien bei der Familie meines Mannes pausierte, beseelt von einer äußerst interessanten Buchbegegnung in einem italienischem Antiquariat, wurde mir wieder einmal bewusst, wie flüchtig vergangene Werte und Geschichten manchmal sind.
An jenem Wochenende fand im Dorf einer der größten Märkte Bayerns statt und neben Kittelschürzen und Bürsten, Bier und gerösteten Mandeln, gab es auch einen etwas abseits gelegenen Stand mit alten Büchern.
Während ich mich in Kochbücher und Naturbeschreibungen aus vergangenen Jahrhunderten vertiefte, näherte sich ein Paar und zeigte ein auffallendes Interesse an den ausliegenden Gebetbüchern.
„Wie viel mag man für so ein Buch wohl bekommen?“, fragte der Mann den Verkäufer und erzählte von einem ererbten Gebetbuch aus dem 18. Jahrhundert, das einst seiner Urgroßmutter gehörte.
Der Verkäufer sagte, es käme auf den Zustand des Buches an und schätze es auf höchstens 100 Euro.
Der Mann verzog den Mund. „Na, dann ist es ja nicht viel wert.“
Nicht viel wert? Für eine Frau vor über 200 Jahren lagen in diesen Seiten Kummer, Freude, Trauer, eine ganze Lebensgeschichte. Kann man den Wert eines Buches, eines Familienerbstückes, nur in Euro bemessen?
Es geht noch schlimmer. Als ich acht Jahre alt war, verstarb mein Großonkel. Zu Lebzeiten aktiver Freimaurer, besaß er eine große Bibliothek. Einen ganzen Raum gefüllt mit Büchern, die man heute vorschnell als esoterisch bezeichnen würde. Er war kaum unter der Erde, da bestellte der Sohn einen Container, in den er alle Bücher hineinwarf und zur Müllhalde fahren ließ, um die Wohnung so schnell als möglich zu räumen. Es waren hunderte Bücher. Sorgsam ausgewählt. Gelesen, verinnerlicht und nun weggeworfen. Eine ganze Lebensphilosophie …
Im letzten Jahr fand ich ein Buch auf dem Altpapiercontainer, offenbar das einer soeben verstorbenen Frau. Ein Buch aus den Zeiten des Krieges, mit Widmung. Ich habe es mitgenommen und auch ein wenig darin gelesen. Ich mag alte Bücher, die Sprache, die mehr über eine Mentalität einer ganzen Generation verrät, als jedes Geschichtsbuch. Ich mag den Geruch alter Bücher, habe Ehrfurcht, wenn ich in ihnen blättere. Ja, auch ich werde mir bald ein eBook zulegen, denn es wird mir die Recherche auf Stichpunkt erleichtern. Nein, ich bin nicht von gestern. Aber ich respektiere und achte Vergangenes.


Auf dem besagten Markt habe ich übrigens zwei Bücher aus dem frühen 18. Jahrhundert erstanden. Eines davon ist aus der Klosterbibliothek eines inzwischen aufgelösten Klosters. Für mich ein Schatz!

@Ramona: Um noch einmal auf Deine Frage zurückzukommen, ob ich in Italien auch Recherchen betrieben hätte? Ja, aber eher zufällig. Vor Jahren hatte mich ein ganz bestimmtes Gebäude interessiert, über das ich schon immer einen historischen Roman schreiben wollte. In dem wundervollen Antiquariat in Riva, das Bücher bis ins tiefe Mittelalter besitzt, fand ich zwei Reisebeschreibungen aus dem 19. Jahrhundert mit ausführlicher Erwähnung eben dieses Gebäudes und der gesamten Umgebung. Also: Das nächste Romanprojekt steht :-)

Die Lesekonditorei

Heike Koschyk 26. Mai 2010

Während der Recherchen zu meinem aktuellen Projekt stieß ich auf eine Einrichtung, die Anfang des 19. Jahrhunderts auch in Deutschland Einzug hielt: Die „Lesekonditorei“.
Sammelplatz des geistigen Lebens und von bestimmendem Einfluss auf die öffentliche Meinung. Ort der Literaten und Gelehrten; hier konnte man in den ausliegenden Tagesblättern und kritischen Journalen lesen und deren Inhalte diskutieren. Das Backwerk oder der Kaffee, ausgeschenkt aus silbernen Kannen, verkamen zur Nebensächlichkeit.
Die bekanntesten Lesekonditoreien waren das Café Kranzler oder Spargnapani in Berlin.
Man musste früh kommen, gleich am Morgen, wollte man nicht statt der sehnlich erwarteten neuen Ausgabe eine der zerlesenen des Vortages finden. „Denn die Concurrenz war groß und die List, mit der Einer dem Anderen den Vorsprung abzugewinnen suchte, noch größer. Das kleine Regal, welches alle diese Schätze barg, war stets belagert, und man betrachtete Jeden, der davor stand, als seinen persönlichen Feind.“ (Quelle: Rodenberg, Julius: Unter den Linden. Bilder aus dem Berliner Leben, Berlin 1888)
Hatte man eines der begehrten Exemplare ergattert, so machte man es sich über Stunden bequem, las alles bis zur letzten Seite, während man Kaffee mit Milch aus großen Tassen („anzusehen wie die Bowlen oder die Kübel“) trank. Später wurde das Gelesene zuweilen hitzig erörtert und in Gesprächsrunden so manche Revolution geplant.

Als ich vor wenigen Wochen über die Lesekonditorei twitterte, gab es eine erfreute Resonanz. Ja, so etwas sei ganz wunderbar, so der Tenor, da könne man sich endlich in Ruhe zurücklehnen und bei einer Tasse guten Kaffees ohne die Ablenkungen des Alltags lesen. Besser noch: Eine Buchhandlung müsse es sein, mit angrenzendem Cafe, das wäre ein Traum.
Ein Traum, der in Hamburg längst Realität wurde. Im Stadtteil Hoheluft liegt die Buchhandlung stories! Ein liebevoll gestaltetes Geschäft mit Schmökertisch und Café-Bar, das wegen seiner loungigen Atmosphäre vom Frauenmagazin „Madame“ zu einer der besten Buchhandlungen Deutschlands gekürt wurde. Dort kann man in aller Ruhe in den Büchern stöbern, zwischen verschiedenen Kaffeeköstlichkeiten wählen und mit den BuchhändlerInnen oder anderen Gästen den neuesten Klatsch aus der Literaturszene austauschen. Wer den Kaffee später an geeigneter Stelle wieder entlassen möchte, wird überrascht feststellen, dass selbst auf dem stillen Örtchen eine umfangreiche Auswahl literarischer Impressionen bereit liegt.
Politische Ränke hingegen schmiedet man heutzutage ohnehin öffentlich, für alles andere gibt es gute Freunde oder Twitter ☺